Eine Note erzählt nie die ganze Geschichte
Die 5,0 gehört zu den unangenehmsten Zahlen, die ich unter eine Klausur schreiben muss. Nicht weil sie häufig vorkommt, sondern weil sie so schnell missverstanden wird.

Eine 5,0 gehört zu den unangenehmsten Zahlen, die ich als Hochschuldozent unter eine Klausur schreiben muss. Nicht, weil sie häufig vorkommt, sondern weil ich weiss, wie schnell sie missverstanden wird.
Für Aussenstehende wirkt sie oft eindeutig: nicht bestanden. Doch so einfach ist es selten. Über die 1,0 habe ich an dieser Stelle bereits geschrieben, darüber, was hinter einer sehr guten Leistung steckt. Die 5,0 verlangt denselben zweiten Blick.
Was im Prüfungsraum niemand sieht
Hinter einer schlechten Klausur steckt nicht automatisch mangelnde Begabung oder fehlendes Engagement. Manchmal entscheidet ein unglücklicher Gedankengang über den gesamten Prüfungsverlauf. Manchmal führt eine Formulierung im Aufgabentext auf die falsche Spur. Und manchmal tragen Studierende an diesem Tag etwas mit sich herum, das niemand im Prüfungsraum sehen kann: Sorgen in der Familie, gesundheitliche Belastungen oder auch persönlicher Liebeskummer.
Wir bewerten eine Leistung, keinen Menschen
Als Lehrende bewerten wir eine Prüfungsleistung. Wir bewerten nicht den Menschen. Trotzdem besteht die Gefahr, dass genau dieser Unterschied verloren geht. Wer eine 5,0 erhält, fragt sich oft nicht nur: Was habe ich falsch gemacht? Sondern viel grundlegender: Bin ich überhaupt geeignet?
Dabei sagt eine einzelne Klausur nur etwas über einen einzelnen Moment aus. Sie trifft keine Aussage über das Potenzial eines Menschen, über seine spätere berufliche Entwicklung oder darüber, wie gut er einmal Verantwortung übernehmen wird.
Gute Lehre endet nicht mit der Korrektur
Diese Erkenntnis beschäftigt mich seit einiger Zeit. Vielleicht sprechen wir an Hochschulen und Studieninstituten zu selten darüber, was Noten leisten können und was eben nicht. Fachliches Feedback gehört selbstverständlich zu unserem Auftrag. Genauso wichtig ist es aber, Studierenden deutlich zu machen, dass eine schlechte Prüfung kein Urteil über ihre Persönlichkeit ist.
Ich nehme mir vor, diesem Gedanken künftig mehr Raum zu geben. Denn gute Lehre endet nicht mit der Korrektur einer Klausur. Manchmal beginnt sie erst mit dem Gespräch danach.


