Meinung

Das duale Studium als Karrieregarantie?

Fast drei Jahre dual studiert, mit Gehalt, Praxis und einem Konzern im Rücken. Warum ich mich danach trotzdem bewusst für einen zweiten Bachelor im Fernstudium entscheide.

Ein aufgeschlagenes Buch mit Stift und ein handschriftlich beschriebenes Notizheft vor einem Bücherregal
Symbolbild: Aaron Burden / Unsplash

Abitur machen, ein Studium absolvieren und anschliessend mit einem sicheren Job ins Berufsleben starten: So sah zumindest ein Teil meiner Zukunftsplanung aus, als ich mich damals für ein duales Studium entschied.

Schliesslich klang das Konzept beinahe perfekt. Ich würde bereits während des Studiums ein festes Gehalt erhalten, wertvolle Praxiserfahrung sammeln und am Ende nicht nur einen Bachelorabschluss, sondern auch mehrere Jahre Erfahrung in einem Unternehmen vorweisen können.

Genau diese Erfahrung würde später bestimmt den entscheidenden Unterschied bei der Jobsuche machen. Oder?

Eigentlich hatte ich einen ganz anderen Plan

Ursprünglich wollte ich Kommunikationsdesign an einer Fachhochschule studieren. Die Hochschulen waren bereits herausgesucht, meine Planungen für die Mappeneignungsprüfungen abgeschlossen und eigentlich fehlte nur noch die Umsetzung.

Dann erzählte mir eine Freundin begeistert: „Hey, das duale Studium ist ja voll cool. Das werde ich machen!"

Damit war auch meine Neugier geweckt.

Ich recherchierte nach dualen Studiengängen im Design- und Medienbereich und stiess auf den Studiengang Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim. Die Kombination aus Gestaltung, Medien, Theorie und praktischer Arbeit begeisterte mich sofort.

Also begann ich, Bewerbungen zu schreiben. Die Deutsche Bahn, SAP, Heidelberger Druckmaschinen, die Schwarz Gruppe und viele weitere Unternehmen durfte ich damals mit meinen Unterlagen beglücken.

Zunächst folgte allerdings eine Absage nach der anderen. Bis eines Tages der erlösende Anruf von SAP kam: Ich hatte tatsächlich einen Platz für das duale Studium bekommen.

Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie riesig meine Freude war.

Besonders die ersten Tage und Wochen waren aufregend. Alles war neu. Alles war besonders. Und vieles war noch besser, als ich es mir zuvor hätte ausmalen können.

Wenn die Realität nicht ganz zu den Erwartungen passt

Nach den ersten beiden Semestern merkte ich jedoch, dass mich das Studium nicht zu hundert Prozent erfüllte.

Nicht, weil der Studiengang schlecht gewesen wäre. Vielmehr stimmten meine Erwartungen und Interessen nicht immer mit den tatsächlichen Inhalten überein. Ausserdem hatten sich meine Interessen seit meiner Bewerbung teilweise verändert.

Zwischen dem Beginn der Bewerbungsphase und dem tatsächlichen Studienstart lag schliesslich mehr als ein Jahr. Gerade in jungen Jahren kann sich in dieser Zeit einiges verändern.

Den Modulplan kannte ich bereits vor meiner Bewerbung. Trotzdem konnte ich damals noch nicht einschätzen, wie sehr mir bestimmte Themen liegen würden. Manche Inhalte machten mir wenig Spass, bei anderen fehlte mir die Motivation.

Auch die feste Anwesenheitspflicht in meinem Studiengang und der eng vorgegebene Studienablauf liessen mir persönlich nur wenig Raum, meinen Lernweg individuell zu gestalten.

Besonders überrascht hat mich, dass zeitweise selbst einzelne Praxisphasen nicht vollständig zu meinen damaligen Interessen und Erwartungen passten.

Meine Work-Life-Balance war dabei häufig gar nicht das eigentliche Problem. Ich hatte durchaus Freizeit. Trotzdem hat mich das Studium mental belastet, weil ich mich phasenweise durch Inhalte und Situationen kämpfen musste, in denen ich mich nicht wohlfühlte.

Das ist sehr individuell. Ich weiss von mir, dass sich Unzufriedenheit in einem wichtigen Lebensbereich schnell auf meine gesamte Lebensqualität auswirkt.

Auch wenn objektiv genügend freie Zeit vorhanden ist, fühlt sich das Leben nicht automatisch ausgeglichen an, wenn einen ein grosser Teil des Alltags unglücklich macht.

Ein gutes Konzept ist nicht automatisch für jeden jederzeit perfekt

Glücklicherweise kam meine Motivation besonders in den letzten Semestern zurück. Darüber war ich unglaublich erleichtert. Denn grundsätzlich halte ich das duale Studium noch immer für ein sehr starkes Konzept.

Berufserfahrung? Check. Kontakte und Einblicke in ein grosses Unternehmen? Check. Eine fundierte theoretische und wissenschaftliche Grundlage? Ebenfalls check.

Ich konnte an realen Projekten arbeiten, verschiedene Teams und Tätigkeitsfelder kennenlernen und mich fachlich wie persönlich weiterentwickeln. Viele dieser Erfahrungen hätte ich in einem klassischen Vollzeitstudium vermutlich nicht oder zumindest nicht in diesem Umfang gesammelt.

Gleichzeitig zeigt mir meine aktuelle Jobsuche, dass auch ein duales Studium keine Garantie für einen direkten Berufseinstieg ist. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass die während des Studiums gesammelte Praxiserfahrung nicht von allen Unternehmen im gleichen Masse wie klassische Berufserfahrung gewertet wird.

Auch Kontakte in einem Konzern können hilfreich sein. Welche Einblicke man tatsächlich erhält, hängt jedoch stark davon ab, in welchen Teams und Projekten man während des Studiums eingesetzt wird. Wer über den eigenen Einsatzbereich hinausblicken möchte, braucht weiterhin Eigeninitiative, Veranstaltungen, persönliche Kontakte, LinkedIn und andere Netzwerke.

Fachlich bietet ein duales Studium eine breite Grundlage. Durch den eng getakteten Modulplan meines Studiengangs konnten einige Themen aus meiner Sicht jedoch nur angerissen werden. Für eine tiefgehende Spezialisierung blieb nicht immer genügend Zeit.

Würde ich mich rückblickend noch einmal für ein duales Studium als ersten akademischen Bildungsweg entscheiden? Ich denke: ja. Trotz aller Herausforderungen halte ich das Konzept weiterhin für eine grossartige Möglichkeit, wissenschaftliches Lernen früh mit wertvoller Praxiserfahrung zu verbinden.

Der Abschluss ist nicht automatisch das Ende der Unsicherheit

Ich hatte lange geglaubt, dass mir der Einstieg ins Berufsleben nach einem dualen Studium vergleichsweise leichtfallen würde. In meiner Vorstellung würde ich meinen Abschluss machen, von meinem Praxispartner übernommen werden und anschliessend direkt ins Berufsleben starten.

Heute weiss ich, dass die Realität komplexer ist. Ob eine Übernahme möglich ist, hängt schliesslich nicht nur von der eigenen Leistung ab, sondern auch von verfügbaren Stellen, Budgets und dem aktuellen Bedarf eines Unternehmens.

Auch ausserhalb meines Praxispartners erlebe ich den Berufseinstieg in den Bereichen, in denen ich aktuell suche, herausfordernder als erwartet. Trotz meines Studiums und der gesammelten Praxiserfahrung ist eine passende Stelle nach dem Abschluss keineswegs selbstverständlich.

Diese Unsicherheit kann frustrierend sein und hat mich bereits in einigen Momenten stark beschäftigt. Trotzdem möchte ich mich davon nicht entmutigen lassen. Ich habe weiterhin Mut, Hoffnung und vor allem den Wunsch, einen beruflichen Weg zu finden, der nicht nur Sicherheit bietet, sondern wirklich zu mir, meinen Fähigkeiten und meinen Zielen passt.

Warum ich mich auf ein Fernstudium freue

Gerade durch meine Erfahrungen im dualen Studium habe ich viel darüber gelernt, wie ich künftig lernen und arbeiten möchte.

Das klassische Schulbankdrücken ist auf Dauer vermutlich nicht mehr das Richtige für mich. Ich möchte flexibler entscheiden können, wann und wo ich lerne. Ich möchte meine Weiterbildung besser mit meinem Berufsleben verbinden und mich intensiver mit den Themen beschäftigen, die mich wirklich interessieren.

Deshalb habe ich für mich einen Entschluss gefasst: Nach meinem Abschluss möchte ich berufsbegleitend einen weiteren Bachelor im Fernstudium beginnen, im Bereich Game Design.

Dabei geht es mir nicht darum, meinen bisherigen Weg hinter mir zu lassen oder mich vollständig neu zu orientieren. Vielmehr möchte ich mein bestehendes Profil aus Visual Design, Marketingkommunikation, Content und visuellem Storytelling gezielt erweitern.

Game Design verbindet für mich viele Themen, mit denen ich mich bereits heute beschäftige: Gestaltung, digitale Medien, Zielgruppenverständnis, Storytelling, Nutzererlebnisse, kreative Konzeption und interaktive Kommunikation.

Gleichzeitig bietet mir das Studium die Möglichkeit, mich intensiver mit einer Branche auseinanderzusetzen, die mich seit vielen Jahren persönlich begeistert.

Ich weiss noch nicht aus eigener Erfahrung, wie sich ein Fernstudium tatsächlich anfühlen wird. Auch dort wird es stressige Phasen, anspruchsvolle Module und Inhalte geben, die mir weniger liegen. Ich erwarte keinen Bildungsweg, bei dem immer alles leicht ist.

Was mich daran reizt, ist vielmehr die grössere zeitliche und örtliche Flexibilität. Ich freue mich darauf, selbstständiger zu lernen, meinen Alltag individueller zu organisieren und meine akademische Weiterbildung mit meiner praktischen beruflichen Entwicklung zu verbinden.

Würde ich deshalb grundsätzlich vom dualen Studium abraten? Nein.

Für Menschen, die früh praktische Erfahrung sammeln möchten, gut mit festen Strukturen zurechtkommen und bereits eine relativ klare Vorstellung von ihrem Fachgebiet haben, kann es eine hervorragende Möglichkeit sein.

Man sollte sich nur nicht allein wegen der vermeintlichen Jobsicherheit dafür entscheiden.

Noch ein Bachelor? Ganz bewusst

Dabei entscheide ich mich nicht für einen Master, sondern noch einmal für einen Bachelor.

Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht ungewöhnlich. Schliesslich gilt der Master häufig als der vermeintlich logische nächste Schritt. Doch für die Verbindung aus Gestaltung, Storytelling, digitalen Medien und interaktiven Erlebnissen, die ich künftig vertiefen möchte, habe ich keinen Masterstudiengang gefunden, der so gut zu meinen Zielen passt wie das geplante Game-Design-Studium.

Hinzu kommt, dass mich die Games-Branche bereits seit vielen Jahren begeistert. Spiele haben mich kreativ geprägt und mein Interesse an visuellen Welten, Geschichten und interaktiven Erlebnissen verstärkt. Langfristig möchte ich meine bisherigen Erfahrungen aus Visual Design, Marketingkommunikation, Content und Storytelling deshalb besonders gerne auch in diesem Umfeld einbringen. Der zweite Bachelor soll mir helfen, mein bestehendes Profil gezielt zu erweitern und diesem beruflichen Ziel näherzukommen.

Für mich wäre der zweite Bachelor deshalb kein Rückschritt. Er wäre eine bewusste Ergänzung meines bisherigen Weges.

Warum sollte ich mich für einen Abschluss entscheiden, der zwar auf dem Papier geradliniger aussieht, mich inhaltlich aber weniger begeistert? Nur damit mein Lebenslauf einer vermeintlich perfekten Reihenfolge entspricht?

Bildungswege müssen nicht immer aus Abitur, Bachelor, Master und Berufseinstieg bestehen. Manchmal braucht es einen Umweg. Manchmal lässt man sich bereits absolvierte Module anrechnen. Manchmal beginnt man noch einmal in einem neuen Fachgebiet, weil man inzwischen besser weiss, wo man wirklich hinmöchte.

Ein zweiter Bachelor macht meinen Lebenslauf nicht „schmutzig". Im Gegenteil: Wenn die Entscheidung zu meinen Zielen passt, kann sie mein Profil weiter schärfen.

Vielleicht verläuft mein Weg nicht auf einer perfekt ausgebauten Strasse. Vielleicht befinde ich mich gerade eher auf einem schmalen Trampelpfad. Doch ein Weg muss nicht geradlinig sein, um zum richtigen Ziel zu führen. Manchmal sind es gerade die Umwege, auf denen wir herausfinden, wohin wir wirklich wollen.

Transparenzhinweis: Die Autorin absolviert ihr duales Studium in Kooperation mit SAP. Der Beitrag entstand unabhängig und wurde weder von SAP beauftragt noch vergütet.

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