Die Bachelorarbeit beginnt nicht mit dem Schreiben
Fast jedes Beratungsgespräch startet mit einer Technologie. Dabei ist Künstliche Intelligenz kein Thema, sondern ein Werkzeug. Der bessere Anfang liegt woanders.

Jedes Semester führen wir an der Hochschule Gespräche über Bachelorarbeiten. Fast immer geht es zunächst um dieselbe Frage: „Ich interessiere mich für Künstliche Intelligenz. Ist das ein gutes Thema?“
Meine Antwort lautet dann meist: Nein. Zumindest noch nicht.
Eine Technologie ist kein Thema
Denn Künstliche Intelligenz ist kein Thema. Sie ist ein Werkzeug. Dasselbe gilt für Digitalisierung, Automatisierung oder Blockchain. Wer seine Bachelorarbeit mit einer Technologie beginnt, läuft Gefahr, ein aktuelles, aber beliebiges Thema zu bearbeiten.
Ich empfehle meinen Studierenden deshalb einen anderen Weg. Nicht die Technologie sollte am Anfang stehen, sondern ein Problem aus der Verwaltungspraxis.
Wo entstehen heute lange Bearbeitungszeiten? Welche Prozesse verursachen unnötigen Aufwand? Welche gesetzlichen Vorgaben führen regelmässig zu Schwierigkeiten? Wo wünschen sich Mitarbeitende Entlastung oder bessere Abläufe?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lohnt sich der Blick auf mögliche Lösungen.
Ein Beispiel aus dem Forderungsmanagement
Ein Beispiel aus dem kommunalen Forderungsmanagement: Offene Forderungen, aufwendige Mahnverfahren oder stockende Vollstreckungsprozesse sind reale Herausforderungen vieler Verwaltungen. In diesem Zusammenhang lässt sich untersuchen, ob KI-gestützte Datenanalysen dabei helfen können, Zahlungsausfälle frühzeitig zu erkennen oder Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten. Aus einer allgemeinen Idee wird so eine konkrete wissenschaftliche Fragestellung mit erkennbarem Praxisbezug.
Gerade dieser Bezug ist aus meiner Sicht der Schlüssel zu einer gelungenen Bachelorarbeit. Wissenschaft soll nicht im luftleeren Raum stattfinden. Sie kann dazu beitragen, bestehende Probleme besser zu verstehen und Lösungsansätze für die Verwaltungspraxis zu entwickeln.
Ein Thema, das über Monate trägt
Ein weiterer Aspekt wird häufig unterschätzt: Eine Bachelorarbeit begleitet Studierende über mehrere Monate. Deshalb sollte das Thema nicht nur fachlich sinnvoll sein, sondern auch echtes persönliches Interesse wecken. Wer sich für seine Fragestellung begeistert, arbeitet meist motivierter, recherchiert gründlicher und entwickelt häufiger eigene Ideen.
Ich erlebe immer wieder, dass die überzeugendsten Abschlussarbeiten dort entstehen, wo wissenschaftliche Methoden auf praktische Erfahrungen treffen. Die öffentliche Verwaltung bietet dafür eine Fülle spannender Fragestellungen. Man muss nur genau hinschauen. Manche davon entstehen ganz nebenbei, etwa wenn Praxis den Hörsaal besucht und Bürgermeister und Verwaltungsfachleute aus ihrem Alltag berichten.
Vielleicht beginnt eine gute Bachelorarbeit deshalb nicht mit der Frage: „Worüber könnte ich schreiben?“ Sondern mit einer anderen: „Welches Problem lohnt es sich zu lösen?“
Ist dieses Problem gefunden, folgt der nächste Schritt. Aus ihm muss eine Frage werden, die sich wissenschaftlich beantworten lässt. Warum der wichtigste Satz einer Bachelorarbeit ganz am Anfang steht, steht im zweiten Teil dieser Reihe.


